Angedacht war in diesem Frühsommer eine Tour in der Böhmischen Schweiz und im weiteren Verlauf die vermutlich letzte Gelegenheit, die Schauplätze der Familiengeschichte aufzusuchen. Auf diversen Onlineseiten hatten sich viele zusätzliche Informationen gefunden, die in Augenschein genommen werden wollten. Was war das vor sechzig Jahren aufwändig, etwas zu recherchieren oder schriftliche Anfragen zu tätigen! Und jetzt erreicht man viel, ohne eine Briefmarke zu verschwenden.
Am 13. Juni 2026 landeten wir in klassischem Aprilwetter im Zielgebiet. Schauer und Sonnenschein wechselten alle halbe Stunde. In der zweiten Schauerpause ließen wir das Womo auf dem ersten Übernachtungsplatz in Kottmarsdorf, um wenigstens einen Blick auf die Bockwindmühle zu werfen. Zu Kurts Entzücken parkten mehrere alte Motorräder vor der Mühle, die von 1843 bis 1943 in Betrieb war. Im Müllerstübchen nebenan richtete man uns sehr freundlich einen Tisch, obwohl der Laden mit mehreren Geburtstagsgesellschaften voll war, gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Guss von oben, den ein Regenbogen dramatisch vor schwarzem Himmel abschloss. Die Nacht verlief ruhig. Dass die Bäckerei am Stellplatz wegen der politischen Verhältnisse (wie ein Zettel an der Tür anklägerisch erklärte – vermutlich ein AfD-Wähler) geschlossen war, tangierte uns nicht, denn sonntags hätten wir in keinem Fall Brötchen bekommen.
Der nächste Tag verlief deutlich trockener über eine ganz unspektakuläre Grenze. Der direkte Weg nach Cvikov war durch Baustellen unmöglich, Umwege auf kleinen Sträßchen führten durch Dörfer mit den typischen Umgebindehäusern, die wir schon aus dem Zittauer Gebiet kannten. Sie sind aber in der ganzen Oberlausitz, Nordböhmen bis nach Polen hin verbreitet. In dem Fachwerkteil standen die Webstühle, deren Erschütterungen vom Holz besser aufgefangen wurden und somit das steinerne Resthaus schützten, das selbständig ohne innere Verbindung daneben steht. Vorgeblendet sind immer Rundbogenbalken. In einem Dorf hielten wir an und ich fotografierte einige Exemplare. Viele davon sind hübsch gepflegt. Bei einigen hat man den Eindruck, das Fachwerk könnte auch als Verblendung davorgesetzt und gar kein echtes Umgebinde sein. Was allerdings die Sitte soll, auf den Zaun Kaffeetassen zu stülpen, fragten wir uns. Was haben die stattdessen in ihren Schränken?
In Novy Bor wählten wir die Schnellstraße nach Cvikov. Ich rechnete auf dem Friedhof nicht damit, das Grab meines Urgroßvaters noch vorzufinden, das 1923 zum letzten Mal fotografiert worden war. Deshalb nutzte ich den Besuch, um für das „Genealogieprojekt Grabsteine“ alle deutschen Gräber zu fotografieren. Dabei stellte ich fest, dass ein Grab, das auf meinem alten Foto im Hintergrund zu sehen ist, noch vorhanden war. Die ungefähre Stelle, an der mein Urgroßvater nach seinem frühen Tod in der Lungenheilanstalt 1908 beerdigt worden ist, war also einzugrenzen, aber neu belegt. Ein Regenguss zwang mich mehrfach zu Unterbrechungen. Etliche Gräber waren so mit Efeu verwachsen, dass die Namen nicht zu entziffern waren, einige Kreuze umgefallen oder es fehlten die Schrifttafeln.
Da man in Tschechien schlecht wild in der Gegend stehen kann, mussten wir den nächsten Platz ansteuern.
Wir erreichten einen in Jetřichovice, nachdem wir im örtlichen Hotel den Weg erfragt hatten. Steil gings bergauf und später noch steiler wieder herunter, aber der Campingplatz war spärlich besucht, sehr komfortabel und idyllisch. Da wir keinen Strom brauchten, hatten wir freie Platzwahl an einem rauschenden Bach. Hier blieben wir drei Nächte. Es gibt einen Badesee, gepflegte Sanitäranlagen, Entsorgungsmöglichkeiten um saubere Wege und Wiesen. Kiosk und Bar waren noch geschlossen. Am Abend erkundeten wir mit Rollator die nähere Umgebung, d.h. vorbei an einer Bauruine, evtl. einem ehemaligen Heim, dessen Fenster alle zugemauert waren. Unweit dahinter führt der Weg an Felsen vorbei und in die Nähe eines Weihers. Leider verengte sich etwas weiter der Weg so stark, dass mit dreirädrigem Fahrrad kein Durchkommen mehr war. Eine Felsenrinne soll hier im Paulinental im Wald liegen.
Burg Falkenstein / Marlina Skala
Am Montag stabilisierte sich das Wetter und laut Auskunft sollte die Grundmühle gut erreichbar sein, auch für gehandicapte Besucher. Das stellte sich als falsch heraus. Als wir den Startpunkt erreichten, begegnete mir ein sächsisches Ehepaar, das mir zu Recht davon abriet, den Rollator stellenweise tragen zu wollen. Ein Foto überzeugte mich. Kurt verzichtete und ruhte sich im Auto aus, während ich den Abstieg wagte. Der Weg führte immer steiler erst über Wurzeln, dann nur noch Felsen.
Fantastisch ragten die Wände über mir auf. Ich konnte mich kaum satt sehen. Hie und da blühte ein Fingerhut. Zum Glück war es noch relativ kühl, auch als ich unten bei der verfallenen Mühle ankam. Mehrere Gebäude gehörten dazu. Die Mühle ist das älteste Gebäude im Nationalpark. Von 1696 bis 1931 war sie in Betrieb, später genutzt als Hotel und seit dem II. Weltkrieg in Verfall. Mehrere Wanderer waren auf verschiedenen Wegen hierher gelangt. Ein sehr beeindruckender Platz. Der Aufstieg war anstrengend, aber machbar. Den Rest des Tages war Ausruhen angesagt.
Im Touristenbüro hatte man mir eine Strecke genannt, die einfach zu befahren sei. Das versuchten wir am nächsten Tag, anfängliches Tropfen misstrauisch vor dem kleinen Supermarkt erstmal überbrückend. Der Tante Emma-Laden wird von Philippinos geführt. Wie mögen die gerade hierher gelangt sein? Sie sprachen flüssig Tschechisch und verabschiedeten mich auf Deutsch, obwohl ich englisch bezahlt hatte. Die Kuchenauswahl war kläglich, aber wir gönnten uns Oblatky und Eis.
Danach hielt sich das trockene Wetter, der Waldweg nach Tokani war der reinste Genuss. Zuerst im Ort ragten schon bizarre Felsen direkt im Garten von Häusern, ein ehemaliges Kindersanatorium verfällt, obwohl die Wiese drumrum noch gemäht wird. Eine Infotafel informierte uns, dass erst im Mai ein Quadratkilometer Wald gebrannt hat, 2022 vernichtete ein Feuer 1600 Hektar. Deshalb wachsen da oft gelbe Flechten und viele Birken. Vermutlich waren vorher die Felsen weniger gut zu sehen. Verlockend waren die Steige zu den zwei Aussichtsbergen, aber für uns nicht machbar. Der Weg war sehr schön, geschottert und gut befahrbar. So hätte es noch mehrere geben können. Wie sich herausstellte, begann am nächsten Tag die große Hitze, in der wir sicher keine Lust für Radtouren gehabt hätten. Etliche Sehenswürdigkeiten und auch eine Bootstour auf dem Kamenice sind wegen der Waldbrandschäden noch gesperrt. Leider war das Museum schon geschlossen, wo es Informationen zu dem anschließenden Wanderweg zu Bunkern und Grenzbefestigungen aus dem Krieg zu sehen gegeben hätte.
Nach einer erholsamen kühlen Nacht starteten wir auf Landstraßen Richtung Teplitz. Die Landschaft gefällt uns, vulkanische Kuppen wechseln ab mit bewaldeten, fast parkähnlich anmutenden Hängen. Die ca. 40 Kilometer waren gut befahrbar, auch die schmalen Landsträßchen. Einmal machte uns ein entgegen kommender Motoradfahrer Zeichen. Noch rätselten wir, was er uns sagen wollte. Hing etwas lose am Fahrzeug? Wir hielten an, konnten aber nichts entdecken. Erst bei einer Eisenbahnunterführung wurde uns klar, dass er uns wegen der Höhe warnen wollte, aber wir passten problemlos durch. Solche Problemstellen sehen wir auch auf unserem Navi.
In Teplitz sind die Straßen chaotisch verändert, städtische Schnellstraßen machen eine Orientierung schwierig. Es blieb nichts anderes übrig, als sich ganz aufs Navi zu verlassen, denn dieses berücksichtigt den LKWstatus, ergänzt von Google Maps, wenn es ins Detail geht. Nach Großpapas Schule habe ich 1999 schon gesucht, diesmal wollte ich nicht anhalten. Richtig kamen wir auch in Wisterschan an und fanden auf Anhieb das Haus der Großeltern. Unverändert seit 1972 bzw. 1999. Gegenüber ein kleiner Supermarkt, der ebenfalls von Philippinos geführt wird. Der kleine Dorfplatz mit Kapelle wird jetzt von einer Straße durchschnitten, die wieder auf die Schnellstraße führt. In Dux wollten wir diesmal nicht halten. Den Bořeň, größter Phonolithklotz Mitteleuropas und Wandergebiet der Vorfahren, ließen wir links liegen, denn mich reizten die Tissaer Wände.
Auf dem Luftbild hatte ich zuhause schon gesehen, dass es direkt unterhalb des Felsenlabyrinths einen Stellplatz gibt. Leider entpuppte sich der für uns als nicht nutzbar, weil die schmale Einfahrt spitzwinklig zurückführte und nur PKWbreite besaß. Noch optimistisch folgten wir einem anderen Stellplatzhinweis nach Norden. Die Straße zog sich Kilometer und sollte in einer Sackgasse enden direkt an der deutschen Grenze ins Biehlatal, es zeigte sich ein Hotelschild. „Na, dann essen wir dort und fragen, ob wir die Nacht bleiben können. Wo ein Hotel ist, kann man auch wenden.“
Das ist immer ein Ausweg in der Not. Kurz vor dem Ort Ostrov zeigte der Wegweiser nach links, sehr steil ging es einen schmalen Weg nach unten ins Tal und zack, standen wir vor einem Restaurant mit Fischteich und einem Autokemp. Zuerst tranken wir mal einen Kaffee auf der Terrasse. „Die Speisekarte ist überschaubar. Typisch Böhmisches gibt es nicht außer Pflaumenknödel.“ Hinter dem Haus lag der Campingplatz, wieder bergauf, an etlichen stabilen Hütten vorbei, an einigen wird noch rumgewerkelt, bis zu einer großen Wiese mit direktem Blick auf die Felsen. Super. Heiß. Mittagschläfchenzeit. Die Rezeptionistin sagte, der Forstweg sei für Rollator geeignet. Ein andrer Wohnmobilist trifft ein und stellt seine Stühlchen raus. Dies ist ein Lager, perfekt für Kletterfreaks. Eine verwaiste Bühne signalisiert zumindest OpenAir-Musik.
Gut, schlafen will ich nicht. Mir glühen die Sohlen aus Vorfreude. Also erkunde ich die andere Seite zur deutschen Grenze. Ostrov ist Sackgasse, keine Wendemöglichkeit für Autos. Richtig. Die Asphaltstraße geht in einen Radweg über, den ich in flottem Tempo einen Kilometer entlangwandere. Der Wald ist so dicht, dass man keine Felsen sieht. Man gelangt nicht zu Füßen der Steintürme, die vom Zeltplatz aus zu sehen waren. Vor einem Gasthof parken an die zwölf Polizeifahrzeuge. Migranten tummeln sich keine. Niemand schleicht durchs Gebüsch. Nur zwei Radfahrer begegnen mir.
Dann wende ich mich durchs Dorf nach Westen und folge einem Wanderweg. Es wird immer wärmer, doch im Wald ist es angenehm. Im großen Bogen lande ich wieder auf dem Zeltplatz. Kurt schläft noch und von der vereinbarten Zeit ist noch eine Stunde übrig. Ich beschließe, den angeblich rollatortauglichen Weg zu erkunden. Eine paar hundert Meter stimmt die Einschätzung, aber dann wird es immer steiniger und wurzliger, zu anstrengend für Kurt, aber verlockend für mich. Kurve um Kurve zieht es mich weiter. Der Anstieg ist moderat, die Felstürme sind hinter dem Laub der Bäume zu ahnen, sie rücken immer näher und plötzlich stehe ich in einem Felsenkessel, der mir den Atem verschlägt. Ich kriege einen Fotokoller. Panorama, Einzelaufnahme, Video, Selfie. Eine Leiter lockt mich auf einen Felsvorsprung mit Blick ins nächste Tal. Herrlich. Aber auf dem Foto schwer wiederzugeben. Mir zittern die Knie beim Abstieg. Andere Wanderinnen picknicken hangauf. Blöderweise kam ich nicht auf die Idee, sie darum zu bitten, mich mal abzulichten. Mein Kopf im Vordergrund stört beim Felseneindruck. Und schon ist Zeit zurückzukehren. Der Rückweg geht schneller als der Aufweg. Mückenzeit und brütende Hitze. Ich koche lieber selber.
Vilemov= Willomitz Rathaus und Pestsäule
Am Mittwoch steht uns eine größere Strecke bevor. Willomitz auf dem Programm. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Stadt durch drei Brände fast vollständig zerstört. Unsere Familie ist seit 1711 dort nachweisbar. Großonkel Otto hat hier noch in den 30er Jahren die Scheune gesehen, in der ein Vorfahr seine Töpferwerkstatt hatte, bevor er nach Komotau zog. Werde ich das auch finden? Die Komotauer Kirchenbücher sind noch nicht online einsehbar. Ich habe Glück. In Willomitz erkenne ich sofort das Rathaus von 1687. Ein Haus ist abgerissen, aber andere stehen noch, sogar gut in Schuss. Wir parken direkt hinter dem Rathaus und ich schleppe mich durch die Mittagshitze, während Kurt im Auto wartet, das geht auch mit dem neuen MAXI-Deckenventilator ganz gut. Der Friedhof wird sich hier nicht lohnen, da die Familie schon lang weggezogen ist.
Der einzige Zeltplatz der Gegend, Vikletice, an dem wir vorbeigekommen sind, liegt am Eger-Stausee Nechranice und sieht wenig einladend aus. In Libědice fällt mir ein total vergammeltes, einst großes Anwesen auf. Bei einem Gebäude ist das Dach eingestürzt. Als ich zu Fuß das Gelände umrunde, sehe ich, dass Handwerker ein Dach decken und vor dem Haupthaus und der offenen Eingangstür steht ein PKW. Die Karmeliter bauten das Ensemble zwischen 1708 und 1725 zu einem barocken Herrenhaus mit großem Hof und Garten um. Nach der Auflösung des Ordens im Jahr 1786 wurde der Besitz vom Ordensfonds verwaltet. Das Anwesen wechselte mehrfach den Besitzer bis 1925. Ein Jahr später, nach der Landreform, wurde es zunächst verpachtet und später von einem Ingenieur gekauft, der ab 1929 vier Zimmer im Schloss an die Tschechische Schule Libědice vermietete. Nach 1945 wurde das Schloss als Lager genutzt und verfiel. Einige der Wirtschaftsgebäude mussten abgerissen werden. Heute gehört das Schloss der CDK Holdings.
Praktischerweise haben die Tschechen seit mindestens dem 17.Jh. die Angewohnheit, ihre Häuser in allen Orten nur durchzunummerieren, so wie in der Reihenfolge gebaut wurde. Straßennamen spielen keine Rolle. So kann ich gezielt über Reinzoomen auf mapy.com die Häuser finden und ansteuern. Den Nachmittag juckeln wir durch das Hinterland der Tschechei. Das Land macht oft den Eindruck, als sei es gerade erst nach dem Krieg wach geworden. Der Tourismus ist noch nicht so ganz angekommen, überall werden Dächer gedeckt. Stadthäuser sind oft verkommen oder stehen leer, während auf den Dörfern mehr renoviert ist. Dorfweiher fallen auf. Sehr viel gesunder Mischwald, durch den sich die Sträßchen hügelauf und hügelab schlängeln. Selten große Felder. In Radonice ist die Kirche verfallen.
Auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit finde ich auf der Stellplatz-App einen Zeltplatz in der Nähe von Mies, ca. 8 km, sagt das Schild. „Prima, von da aus können wir mit dem Fahrrad in aller Ruhe Mies erkunden, evtl. auch mal das Nachtleben.“ Doch es soll anders kommen. Kinder kommen uns entgegen, der Platz ist groß, an einem See, aber am Empfang sitzt um 20 Uhr niemand mehr. Ich würde mich auf den angrenzenden Parkplatz stellen, an den sich eine Ferienhäuschenidylle hinzieht, und mich halt anderntags anmelden, aber Kurt will lieber weitersuchen. Ans Telefon geht niemand. Wir entdecken ein Schild Autokemp und folgen einem Feldweg in den Wald. Irgendwann gibt es keine Gelegenheit zur Umkehr, fürchte ich. Aber Kurt fährt gerne rückwärts. Wir fragen per Google-Translator schließlich einen Mann, der gerade seine Ferienhütte einrichtet, ob man mal für eine Nacht da stehen könnte. Hat er überhaupt die Kompetenz, uns das zu erlauben? Jedenfalls er hat nichts dagegen. Wir verbringen eine ruhige, kühle Nacht hier, werden allerdings zerstochen.
Original und Radierung von Großmama
Mies war das Zentrum der Sippe, die Großeltern Nachbarskinder und in den Sommerferien trafen sich alle wieder zum Baden, veranstalteten Hauskonzerte oder flanierten um den Marktplatz. Der Mieser Friedhof ist deshalb ergiebig. Die Gräber, die ich 1972 und 2013 sah, gibt es noch und ich finde nach systematischer Suche ein weiteres von einem Bruder des Großvaters. Der Zustand ist schlechter als in der Datenbank. Eine Friedhofsangestellte interessiert sich für mich, weil sie mich fotografieren sieht. „Wir sind angehalten, die Gräber nicht wegzumachen. Die Büsche werden beschnitten und das Gras gemäht und auf Wunsch der Angehörigen pflegen wir auch die Gräber“, sagt sie. So weit geht meine Begeisterung nicht, dass ich noch Grabpflege bezahle. (In der Tüte habe ich diesmal Spachtel, Schäufelchen und Kratzer. 2013 musste ein Eiskratzer von Kurt daran glauben.) Das mache ich selber. Jultschis Grab ist total vermoost und die „1“ beim Sterbedatum fehlt. Ich kratze mit Leichtigkeit den ganzen Belag weg.
An den übrigen Gräbern ist zu erkennen, dass viele Deutsche nach dem Krieg nicht ausgesiedelt sind. Ich lese viele deutsche Namen neuer Gräber, einfach mit der Endung -ova hintendran. In der Stadt bin ich vorinformiert, weiß von vier Häusern, in denen Angehörige zur Miete wohnten oder die sie besaßen. Zwei habe ich schon 1972 gesehen, von den andern wusste ich damals nichts. Aber die Kirchenbücher geben viel Aufschluss und sogar Volkszählungslisten von 1921 haben einiges verraten. Die erste eheliche Wohnung meiner Urgroßeltern ist jetzt eine unbewohnte Bruchbude.
Das Wachhaus in der Manesova ist unverändert seit 1972, gegenüber das Rittererhaus wurde nach einer Gasexplosion 1983 um ein Stockwerk erhöht, der Stammsitz der Ritterers war 1907 abgebrannt. Deshalb wohnte der letzte Besitzer auch zeitweise im Hotel. Seit 2013, als der Marktplatz noch eine einzige Baustelle war, hat sich alles hübsch entwickelt. Renovierte und verlotterte Häuser wechseln sich ab. Hatten die neuen Bewohner einfach kein Interesse, fürchteten sie die Rückkehr der früheren Besitzer? Oder fand sich kein neuer Bewohner. Kaum vorstellbar.
Kurt bleibt auf dem Parkplatz im Auto, während ich von einem Haus zum andern tigere und Fotos schieße. Das Archiv hatte mir nicht geantwortet, ob sie an alten Bildern interessiert sind. Das können wir uns sparen. Der Marktplatz, wo man Anfang des letzten Jahrhunderts flanierte, ist leer an Geschäften oder Cafes, sonst hätte ich hier mal eine Weile sitzen wollen. Bei der Rausfahrt aus dem Ort kaufen wir beim Lidl ein und starten dann nach Černošín, dem Geburtsort des Urgroßvaters. Es ist merkwürdig, bilde ich mir ein, dass da ein gewisses Heimatgefühl sich meldet? Blödsinn. Kann nicht sein.
Hier habe ich wieder die richtigen Nummern und kann sie eins nach dem andern abhaken. Ein gottverlassenes Kaff. Das einzige Lokal ist aufgegeben, das Museum heute geschlossen. Die Sonne brennt mir auf den Kopf, der Schweiß rinnt mir von Stirn und Nacken. Das Handy meldet mir: wegen Überhitzung bitte ausschalten. Ich nehme das andere. Auch der kleine Fotoapparat erfüllt seinen Zweck.
Anschließend suchen wir den Friedhof. Hier sieht es mager aus. Die meisten, vermutlich deutschen Gräber sind ohne Schrifttafeln. Auf einer großen Rasenfläche ist alles geräumt. Da haben sie fast tabula rasa gemacht. Außer „Röhling“ sind alle Namen unbekannt. Unter den schattigen Bäumen vor dem Eingang machen wir ein Mittagschläfchen und nehmen uns als Abendhighlight vor, bei einer Brauerei einzukehren, in der wir 2013 schon waren: Chodovar. Es ist ganz nah, wir finden den Platz, essen vorzüglich Knedliky und Sauerbraten. Die Nacht stehen wir auf einem Parkplatz, der erst ab 8 Uhr wieder vom Hotel gebraucht wird. Als uns der Wecker aufrüttelt, parken wir einfach um und stellen uns wieder auf den Brauereiparkplatz.
Der jüdische Friedhof ist stimmungsvoller als beim ersten Besuch. Er wurde bereits im 15./16. Jahrhundert angelegt. Einige Steine sind noch barock, aber nirgends verrät ein Steinchen, dass jemand hier war um zu trauern.
In der Nähe liegt Bad Marienbad, der nächste Ort mit einer billigen Tankstelle. Der Liter Diesel ist hier mehr als vierzig Cent billiger als daheim. Neben der Tankstelle setze ich noch fast alles Kleingeld um, da man das nicht zurücktauschen kann. Die Heimfahrt wählten wir über Nürnberg-Würzburg, verbrachten dort die letzte Nacht auf einem Lidl-Parkplatz, und waren am 21.Juni wieder zuhause.










































