Unser Hauptanstoß die Normandie zu bereisen, waren die Jubiläumsfeiern zum D-Day im Sommer. Dass es in der Region noch viel mehr zu sehen gibt, wussten wir natürlich, hatten die In-Augenscheinnahme aber immer vor uns her geschoben. Nicht dass uns rudimentäres Sprachvermögen abgehalten hätte, aber Spanien oder Italien lockten durch die Vielfalt archäologischer und landschaftlicher Highlights einfach mehr. Wir sind außerdem keine Gourmets, weder Fisch- noch Weinliebhaber, Austern reizen uns genauso wenig wie Calvados und der Käse reichte als Anreiz nicht.
Bei meinen Vorbereitungen entdeckte ich, dass die größten Bunkerreste nicht in Frankreich, sondern in Flandern liegen. Dort wollten wir starten. Natürlich stand die Frage wieder im Raum, wie wir mit unserem zwölf Meter langen Gespann klarkommen würden, denn in Biarritz hatte jemand seinerzeit den Teufel an die Wand gemalt. Nicht jeder Platz käme für uns in Frage. Auf Google kann man zwar auch mit Hilfe von Luftaufnahmen die Örtlichkeiten abklären, aber vor Ort stellt sich doch manch Schwierigkeit ein, die vorher nicht zu erkennen war, sei es dass die Zufahrt zu eng, die Plätze zu kurz, Zäune, Mäuerchen oder Gräben etc. vorhanden sind oder einfach kein Rangierspielraum am Grauwasserablass.
So zum Beispiel auch beim ersten Übernachtungsversuch in Estaires, westlich von Lille. Zum offiziellen Platz führte auf einmal eine nur für 3,5 t zugelassene kleine Brücke und vor dem Lidlgelände bremste uns der Hinweis, dass dies Privatgelände sei und allgemeines Parken über Nacht nicht zulässig. Ungewöhnlich. Nur 200 m davon entfernt waren wir an einem geschotterten Streifen abseits der Landstraße vorbeigekommen, auf dem ein LKW parkte. Dort stellten wir uns dazu und verbrachten eine etwas laute Nacht, in der außerdem ein schabendes Geräusch Kurt alarmierte. Hatten wir Mäuse an Bord? Doch nein, es war nur ein Zweig des nahen Gebüschs, den der Wind an der Karosserie bewegte.

Bei mehreren Dörfern waren mir kleine Friedhöfe aufgefallen mit einheitlichen, eng gesetzten Grabsteinen und ich wunderte mich über die uniforme Bestattungskultur, bis mir im Museum unseres ersten Besichtigungspunktes aufging, dass das alles Soldatenfriedhöfe waren. Die Briten haben ihre Gefallenen dort bestattet, wo sie ihr Leben verloren haben, seltener auf großen Sammelfriedhöfen wie die Amerikaner.
Am Ende des Ersten Weltkriegs gab es in Belgien in 678 Gemeinden und Ortsteilen auch deutsche Soldatenfriedhöfe. Diese Zahl wurde 1958 auf Wunsch des belgischen Staates drastisch reduziert auf 128. In Belgien gibt es heute ca. 181.000 deutsche Kriegsgräber (135.000 aus dem ersten und 46.000 aus dem zweiten Weltkrieg) auf 19 Anlagen. Davon ist Langemark als Friedhof der Kriegsfreiwilligen in die Geschichte eingegangen. Allein dort waren 15% der 44.300 Gefallenen Studenten und Abiturienten. Gesamte Hörsäle, nebst Professoren meldeten sich wie selbstverständlich zum Kriegsdienst: mangelhaft ausgebildet, schlecht ausgerüstet und militärisch geführt.

Unser erster Anlaufpunkt war La Coupole, das wir von 12 -17 Uhr mit Audioführern abklapperten. Die Anlage sollte als Werk für flüssigen Sauerstoff und Startbasis für V2-Raketen dienen (gegen England gerichtet) und wurde in den Jahren 1943 und 1944 von der Organisation Todt mit 1.300 Zwangsarbeitern gebaut, allerdings vor Fertigstellung bereits aufgegeben, weil die Baustelleneinrichtungen durch Luftangriffe zerstört wurden. Ein Abschnitt des Museum behandelte auch die Leiden der Bevölkerung während des 1. Weltkriegs. Unglaublich, dass sie den Anblick von Deutschen noch ertragen können, nachdem sie doch zweimal so verheerende Erfahrungen gemacht haben. Als Deutscher geht man unwillkürlich mit eingezogenem Kopf raus. Völlig verständlich, dass es unsere Nachbarn geschaudert hat, als Deutschland, der alte Quälgeist, durch die Wiedervereinigung wieder dermaßen erstarkte. Und jetzt auch noch die Wehrpflicht…


