Diese Reise soll die erste sein mit vollem Service für behinderte Touristen, denn mein Mann ist seit Kurzem auf Rollator angewiesen, wenn längere Strecken zu bewältigen sind. Obwohl wir digital auf der Höhe der Zeit sind, schien uns zu kritisch, online all die Hindernisse selbst auszuräumen. Als Gesunde weiß man nicht, welche Erleichterungen möglich sind und hinter welchen Angeboten die sich verstecken. Ergo suchten wir unser bevorzugtes Reisebüro in Hennef auf, das schon einige Wege für uns auch in Ägypten geebnet hatte. „Ich habe alles arrangiert, melden Sie sich einfach beim Infoschalter von Eurowings“, mailte Herr Krause, als der Abfahrtstag näher rückte.
Tag 1:
Beim Eintreffen hatten wir eine durchwachte Nacht hinter uns, denn wir sollten wegen des Starts um 6:25 um 4 Uhr am Flughafen Köln/Bonn sein. Eine halbe Stunde braucht man nach Hennef, wo das Auto sicher bleiben kann. Die S-Bahn erreicht nach zwanzig Minuten den Airport. Nachts um 3 Uhr den Koffer durch die Straße zu rollen und als Rentnerzielscheibe am Hennefer Bahnhof herumzuhängen, ist eine wenig prickelnde Vorstellung. „Wir gehen sowieso vor 1 Uhr nicht ins Bett. Lass uns lieber 20:30 Uhr starten, dann sind noch andere Leute unterwegs. Am Flughafen rumzusitzen, ist ungefährlicher“, sind wir uns einig.

Sobald der Koffer eingecheckt ist, erscheint ein Helfer des Roten Kreuzes, der uns – hinten auf dem motorisierten Rollstuhl stehend – beim Gate abliefert. Den Rollator gebe ich beim Sperrgutschalter ab. Beim Boarding werden wir bevorzugt bis zum Einstieg gerollt. In der dritten Sitzreihe hat Eurowings gute Beinfreiheit. Beim Ausstieg in Fiumicino bleiben wir sitzen, bis der von der Stewardess angeforderte Rollstuhl anlangt. Diesmal chauffiert uns der Flughafenservice vom Ausstieg zum Kofferband, zum Sperrgepäck und bringt uns zum Taxi. Von der Bahn rät er uns ab: „Die kostet genauso viel wie das Taxi, dort sind Sie aber diebstahlgefährdet.“
Mag sein. Das Taxi kostet einheitlich, so steht es auch auf der Karosserie, 55 Euro bis zum Bahnhof Termini. Dass es auch einen Shuttle-Bus gibt, der nur max. 9 Euro kostet und genauso sicher ist, hat er uns nicht verraten. Der Taxifahrer kündigt eine Stunde Fahrtzeit an, da heute ein Feiertag sei. Im Internet finde ich dazu keine Aufklärung.
Ich bin entzückt von jeder alten Ecke, die wir mit dem Taxi tangieren. Auf dem Piazzale Numa Pompilio befindet sich ein gemauerter Schrein mit drei Nischen am Eingang zur Via di Porta San Sebastiano. Seine Funktion ist nicht vollständig geklärt. Der heutige Bau stammt etwa aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, und steht wahrscheinlich auf einem alten Compitum, einem Schrein, der den Lares Compitoli, den antiken römischen Schutzgöttern der Reisenden, geweiht war und sich üblicherweise in der Nähe von Wegkreuzungen befand.
Porta San Giovanni Santa Maria Maggiore
Der Nachteil bei so frühen Flügen ist die ähnlich frühe Ankunft, zu der noch kein Hotelzimmer beziehbar ist. Zwar kann man die Koffer schon mal unterstellen, aber dann hängt man übermüdet in der Kurve und ist noch für nichts richtig aufnahmefähig. Wohlweislich habe ich den Hop-on Hop-off-Bus erst ab dem nächsten Tag gebucht. Ein Vormittagsschläfchen wäre jetzt erfreulich.


Heiliger Holzspreisel Cosmatenboden
Stürzen wir uns also ins Getümmel. Das einzige Objekt, das wir in Angriff nehmen können, weil es in der Nähe liegt, ist eine von vier Papstkirchen: Santa Maria Maggiore, ein Prachtbau, in dem das Grab von Papst Franziscus durch seine karge Bescheidenheit besonders hervorsticht. An der Treppe wartet eine ca. 50 Meter lange Menschenschlange an einer Sicherheitsschleuse. Kaum machen wir Anstalten uns anzustellen, gibt uns ein Ordner Zeichen, lotst uns hinter die Absperrgitter und stellt uns direkt vor die Gepäckkontrolle. Ein anderer macht uns auf die Rampe aufmerksam, die bis zum Eingang führt. Überwältigt von der Pracht weiß man kaum, wo zuerst schauen. Als besondere Reliquie hütet man hier einen Splitter der Krippe des Christkindes. Der Fußboden zeigt die typischen geometrischen Muster in Cosmatentechnik, für die Marmor, rosa Granit, roter und grüner Porphyr und Serpentin antiker Bauwerke ausgeschlachtet wurden. Dass die Kirche schon im Jahre 434 n.Chr. geweiht wurde, sieht man ihr nicht mehr an.
Die Lage unseres Hotels in der Via Marsala ist einmalig, denn vom Bahnhof Termini aus ist wirklich alles erreichbar, egal, ob mit Bahn, Stadtbus, Shuttle oder Metro. Verzichtet man auf Klimaanlage und kippt lieber das Fenster, dann ist allerdings der Geräuschpegel bis nachts 2 Uhr sehr hoch. Man meint, die Kehrmaschine und zuliefernde LKW fahren am Bett vorbei. Doch nach einem Tag voller Besichtigungen ist man spätestens 21 Uhr so kaputt, dass man vermutlich sogar auf einer Verkehrsinsel schlummern könnte.
Tag 2:
Voller Unternehmungslust besteigen wir den BigBus, dessen Fahrt man beliebig unterbrechen kann. Die Audioerklärungen per Kopfhörer sind in Rom nicht von Bus zu Bus identisch. Zwei lebhafte Sprecher verpacken in ihre Unterhaltung sehr viel auch aus dem Alltag der Stadt, zu Sitten und Vorstellungen, in jeder Hinsicht empfehlenswert und viel besser als in manch anderer Stadt wie z.B. Malaga oder Lissabon. Seit Jahren hat es sich bewährt für uns, auf diese Weise einen ersten entspannten Überblick über eine unbekannte City zu gewinnen.
Der Rollator wird mit Sicherheitsgurt vertäut und die Schwerbehindertensitze daneben räumt man uns unaufgefordert. In manchen Bussen klappt der Angestellte sogar eine Rampe zum Bordstein raus. In der Nähe der Villa Borghese steigen wir aus und landen nach kurzem Fußweg oberhalb der Spanischen Treppe, die aus diesem Blickwinkel kaum zu erkennen ist. Es bleibt nichts anderes übrig, als den Rollator zusammengeklappt die 136 Stufen runterzutragen und mein Mann benutzt Stock und Brüstung zum Stabilisieren. Auf der Piazza di Spagna unten ist nur schwer durchzukommen, so dicht gedrängt stehen die Touristen.

Von Google Maps lassen wir uns als nächstes zur Fontana di Trevi dirigieren. Wenn man nahe ans Brunnenbecken will, um dort Münzen hineinzuwerfen, wird seit letztem Jahr Eintritt kassiert. Das ist ein eher hilfloses Ansinnen, die rund 9 Mio. Besucher im Jahr zu lenken und den Zugang auf 400 Personen gleichzeitig zu begrenzen. Als ich 1974 das erste Mal hier war, dachte daran niemand. Meine Güte! Der Platz davor ist bis in die Seitenstraßen hinein schwarz von Menschen. Neben uns hat ein Italiener zwei Chihuahuas in einem Kinderwagen dabei, die genauso fassungslos sind wie wir. Am Piazza Barberini steigen wir wieder in den BigBus. Der Besichtigungsvirus hat uns erfasst und eine Mittagspause betrachten wir als Zeitverschwendung.
Palatin und Piazza Barberini
Für heute haben wir von zuhause aus einen Termin im Colosseum reserviert. Doch was ist das? Die Haltestelle Colosseum des Streckenplans ist aufgelöst, wir müssen bis zum Circus Maximus weiter, so dass ein langes Stück zurück zu Fuß bewältigt werden muss. Grund für die Änderung ist ein City-Marathon, der Sonntag stattfindet. Das antike Stadion ist im Übrigen gesäumt von kleinen Zelten, an denen sich die Sportler mit allem Erdenklichen versorgen können. Die Werbung dafür passt auch für uns: „Es ist nur ein Marathon. Bis Du es in Rom läufst #LaufWieEinGladiator“.

Konstantinsbogen Forum Romanum
Wie angeschlagene Gladiatoren gelangen wir zwar ins Forum Romanum, aber für Gehbehinderte ist das Laufen auf dem originalen Pflaster – wie vorausgesehen – recht mühsam. Obwohl die Platten sorgfältiger verlegt sind als diejenigen auf dem römischen Straßenstück in der Nähe des Kölner Doms. Selbst wenn der Rollator Ballonreifen statt Vollgummibereifung hätte, bleibt die Stolpergefahr. Ein kleiner Lift neben dem Titusbogen hilft immerhin über eine Geländestufe. Im Colosseum selbst gibt es einen großen Aufzug, zu dem uns das Personal direkt sehr freundlich komplimentiert. Alle guten Wünsche begleiten uns auf Schritt und Tritt.

Der Sonnenschein hat uns leider zu Frühlingsoutfit verleitet, so dass wir anfangen zu frieren, als wir zum Sonnenuntergang mit den letzten Besuchern des Tages hinausgekehrt werden. Die Strecke zur Haltestelle ist gefühlt dreimal so lang wie vorhin. Es ist vergeblich, so wie in London, vom Straßenrand aus ein Taxi anhalten zu wollen. Müde Gladiatoren warten zitternd auf den BigBus.

Tag 3:
Tagesziel ist der Vatikan. Was für eine Menschenmenge ballt sich hier! Vor und unter den Kolonnaden, quer um den Platz herum, von labyrinthischen Absperrgittern in Reihen gezwungen. Allerdings nicht etwa um Eintrittsgelder zu kassieren, wie ich erst vermutete, sondern wieder wegen Sicherheitskontrollen. „Das können wir uns abschminken“, meine ich, „unmöglich, sich mit Rollator anzustellen. Laut Internet ist mit einer Wartezeit von einer Stunde zu rechnen, der Reiseführer warnt sogar vor drei Stunden.“ Der Vorplatz ist in jedem Fall imposant. Man sollte sich zu Füßen des Obelisken hinsetzen und den Eindruck auf sich wirken lassen.
Für den qualitätsbewussten Diener des Herrn ist alles da
Auf der Via della Conciliazione, der Fußgängerzone zwischen Petersplatz und Tiber, an der etliche Botschaften residieren, erreichen wir die Engelsburg, erst Mausoleum Hadrians und später Zitadelle, vor der wieder eine Menge ansteht.
„Ich kann Ihnen Zugang zu einem Fahrstuhl anbieten“, meint die Dame freundlich am Eingang, „der fährt aber nur bis zur halben Höhe.“
Egal, die 16 Euro pro Person ist uns der Besuch wert, doch an der Kasse erfahren wir: Behinderte und deren Begleitperson zahlen nichts. Von der umlaufenden Panoramaetage aus genießen wir erst den Rundumblick über die Stadt, aber auch einen Imbiss mit Aussicht auf die Verbindungsmauer, auf der früher der Papst ungesehen von hier zum Petersdom gelangte. Beim Essen muss man sich vor hungrigen Möwen hüten, die zugeworfene Brösel auffangen und sich auch selbst bedienen, sobald man abgelenkt ist. Sie verschmähen auch keine Pizza.
Kommt ein Brösel geflogen In der Engelsburg
Ab dem 10. Jahrhundert war die Engelsburg im Besitz der Päpste und diente als Zufluchtsort bei Gefahr. Ein Kardinal wurde hier hingerichtet, zeitweise diente der Bau als Gefängnis. Die prächtig bemalten Räume des Papstes aus dem 16. Jh. sind mit Rollstuhl unerreichbar, deshalb stellen wir den Rollator beim Personal ab und bewältigen auch die Stufen zur Aussichtsplattform mit Hilfe des Stocks.
Tag 4:
In Rom sein und die Vatikanischen Museen mit der Sixtina links liegen zu lassen, wäre eine Fehlentscheidung. Dafür haben wir den ganzen Tag reserviert und auch eine Eintrittskarte mit festgelegter Zeit gebucht. Am Tag zuvor wurden wir informiert, dass man eine Stunde vorher eintreffen sollte. Um pünktlich zu sein, haben wir heute die Metro bestiegen und einen absurd hohen Preis bezahlt, weil wir mit den Automaten nicht zurechtkamen. Es ist viel einfacher, sich die Fahrkarte in den Tabacchilädchen zu besorgen: 1,50 Euro pro Fahrt. Nicht alle U-Bahn-Stationen besitzen Lifte, viele aber Rolltreppen. Manchmal wollen uns Leute den Rollator tragen, aber meistens kommen wir gut zurecht. In den Zügen wird uns sofort Sitzplatz angeboten und mein Mann bei Ein- und Ausstieg unterstützt. Wir sind erstaunt von so viel Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, sobald wir nur irgendwo zögern.


Als wir am Vatikan eintreffen, steht dort eine Schlange von über zweihundert Metern Länge, doch es gibt eine Überholspur, vermutlich für diejenigen, die vorgebucht haben. Wir nutzen sie und stehen gerade mit fragendem Blick an einer der vier kürzeren Schlangen für Ticketinhaber, als uns eine Aufsichtsperson heranwinkt, die Menge teilt wie Moses das Rote Meer und uns persönlich – nach kurzem Blick auf unsere Reservierung – bis zur Tür begleitet. Dass wir viel zu früh da sind, kümmert niemanden. Wir quetschen uns durch das überfüllte Museumsfoyer und schon sind wir im Strom der Besucher.
Nicht jede Abteilung ist durch einen Aufzug erschlossen, es sind viele Treppen zu bewältigen, aber uns werden Barrieren weggeräumt, Personallifte aufgeschlossen, Zugänge per Funkgerät gesperrt, damit wir ungehindert durch enge Passagen kommen, Treppenlifte aufgeklappt und teilweise sogar der Rollator aus der Hand gerissen und raufgetragen. In der Sixtina knubbeln sich die Besucher, doch auf uns ruht ein besonderes Auge und sobald erkennbar ist, dass wir ausgiebig bewundert haben, geleitet man uns zur nächsten Etappe. Die Qualität der in Fülle präsentierten Kunst und der oft abgebildeten Paradestücke, sowie der Raumausstattung benötigt keine Werbung und macht selbst den schlichtesten Betrachter sprachlos.
Als wir gehen, sehen wir das obere Viertel der Schlange vor dem Museum
Tag 5:
Von der Piazza Venetia aus ist die Altstadt gut zu erkunden, aber zuerst wollen wir zur „Schreibmaschine“ und dem gläsernen Aufzug, der vom Forum Romanum aus verlockend sichtbar war. Wir steigen beim Marcellustheater aus dem BigBus und erklimmen das Kapitol, das kultische Zentrum des alten Rom, auf einer Serpentine, die die lange, von Michelangelo geplante, Treppe umgeht, deren Ende die antiken Plastiken von Castor und Pollux flankieren. Oben steht das Reiterstandbild Marc Aurels zwischen drei Renaissance-Palästen: dem Sitz der römischen Stadtregierung, dem Palazzo dei Conservatori und den Kapitolinischen Museen. Von zwei Stellen aus hat man einen guten Überblick über das Forum Romanum.

Forum Boarium, oben Forum Romanum bzw. Kapitol
Am Haupteingang des vom ersten italienischen König Viktor Emanuel II. (für den „Vater des Vaterlandes“) erbauten Nationaldenkmals, einem neoklassizistischen Protzbau, den die Bevölkerung spöttisch Schreibmaschine nennt, erfahren wir, dass der Zugang für Behinderte kostenfrei ist. Eine Italienerin mit kaputten Knien übersetzt für uns stolz – auch vor ihrer begeisterten etwa zwanzigjährigen Tochter – die Info des Wärters ins Englische. „Folgen Sie mir einfach zum Nebeneingang. Dort ist ein Aufzug.“ Wieder erhalten wir Sonderbehandlung.
Fürs Erste satt gesehen, überlegt mein Mann laut: „Vielleicht wäre gegen Abend und zu einer Messe leichter in den Petersdom zu kommen. Mehr als schiefgehen kann es nicht.“
Vor der Kirche stehen mehrere, deutlich kürzere Schlangen, doch kein Personal ist zu sehen, das man bezirzen könnte. Jetzt sind wir mal mutig und drängeln uns an Gruppen vorbei, die sich zügig vorwärtsbewegen. Nach dreißig Minuten sind unsere Taschen durchleuchtet und wir gelangen abseits der Schweizer Garde über eine breite Rampe in den Petersdom. Der Eindruck erschlägt einen. Gold überall. Kein Wunder, dass der Ablasshandel im 16. Jh., der diesen Bau mitfinanzierte, zur Abspaltung einer Protestreligion Anlass geben musste. Eine grandiose Geschäftsidee immerhin.

Obdachlose oder Pilger unter den Kolonnaden Petrus Ziborium
Leise Orgelmusik zieht uns automatisch direkt zur Apsis. Vom Band? Von wegen. Es findet gerade eine Messe auf Italienisch statt. Aber wir haben den ganzen Ablauf noch lateinisch präsent, folgen also problemlos, allerdings hinter einer Absperrung. Neben uns der Baldachin von Bernini über dem Hauptaltar, der auf schwarzen gedrehten, teilvergoldeten Bronzesäulen ruht. Um die für den Guss benötigten 93 Tonnen Material zu beschaffen, ließ der Papst im Jahr 1625 unter anderem die antike Decke der Vorhalle des Pantheons einschmelzen.
Davor führen Stufen in den Untergrund zum Petrusgrab, die auf der Brüstung flackernden 92 Lämpchen verbreiten andächtige Stimmung. Linkerhand sehen wir vor der Orgel zehn Köpfe eines Chores, dessen Gesang Gänsehaut verursacht. Der feierlichen Atmosphäre können sich auch Atheisten nicht entziehen.
Es werken vier weiß gekleidete Ministranten, ein Priester predigt zur Legende des Lazarus. Ein anderer, vom Alter gebeugt, liest etwas vor und verteilt die Hostien. Eine Viertelstunde nach Ende der Messe wechselt die Mannschaft. Nun setzen wir uns in die Bänke. Dieser Priester ist humorvoll und wiederholt einige Teile auf Englisch. Am Ende wünscht er etwaig anwesenden Teilnehmern des Marathons Erfolg. Der Zugang zu den Vatikanischen Grotten ist mit Rollator nicht zu machen, die Treppe ist zu schmal und keine Einbahnstraße.
Inzwischen ist es leider für den Aufzug zur Kuppel zu spät, aber nun fesselt draußen der beleuchtete Platz. Da der letzte BigBus weg ist, sind wir auf die Metro angewiesen. Ich entdecke an der Station Vatikan einen Treppenlift, doch anscheinend sind wir die ersten Benutzer. Als wir bescheiden den ersten Angestellten danach fragen, holt der einen zweiten. Mein Mann soll sich auf seinen Rollator setzen. Es hat den Anschein, als wollten sie ihn – inzwischen zu dritt – mitsamt dem Gefährt wie auf einer Sänfte nach unten tragen. Doch das ist ein Missverständnis.
Die drei Mann gehen nach Bedienungsanleitung vor. Sitzend muss mein Mann auf eine Metallplatte rollen, dann klappen zwei Halterungen über seine Schultern und in Zeitlupentempo setzt sich das Gefährt in Bewegung.

Der Zug steht schon am Bahnsteig, ich springe rein, die Türen schließen sich und reagieren auf keinen Befehl mehr. Ab die Post! Mein Mann steht konsterniert mit den Helfern noch draußen. Ein Déjà-Vu unter anderem Vorzeichen. Als Vierjährige habe ich das schon mal erlebt. Da war ich es, die zurückblieb. Ich steige beim nächsten Halt aus, um auf ihn zu warten. Kann ja nur fünf Minuten dauern, denke ich. Aber er ist nicht im nächsten Zug.
Vor lauter Aufregung fällt ihm nämlich partout nicht mehr ein, zu welchem Halt wir unterwegs sind und wie unser Hotel heißt. Mit Hilfe des Google Translators unterhält er sich aber angeregt mit den drei Arbeitern und schließt derweil Freundschaft. Groß ist die Erleichterung bei allen, als ich per Handy anfrage, wo er bleibt und dass ich am Bahnsteig Termini warte. Nur mein Mann weiß, was für ein doppeltes Wunder das ist, denn ich habe erstens selten ein Handy dabei. Und dann auch noch das Glück, dass der Akku noch nicht leer ist!
Tag 6:
Der Stadtmarathon verhindert, dass wir wie geplant zur Piazza Venetia kommen, denn die Route des BigBus ist gekappt. Bei leichtem Nieselregen besteigen wir flexibel die Metro zu einem stadtauswärts gelegenen Highlight: San Giovanni in Laterano, Residenz bis 1309, als die Päpste nach Avignon übersiedelten. Die ersten fünf Konzile fanden hier statt und noch bis ins 19.Jh. die Amtseinführung der Päpste.
Lateran
Einmal durch die Aurelianische Stadtmauer und schon stehen wir auf dem Platz davor. Im 5. Jahrhundert wurden die Gebäude wiederholt von Germanen geplündert, sowie 896 durch ein Erdbeben, im 14. Jahrhundert zweimal durch Feuer schwer beschädigt.
Die Bronzetüren des Hauptportals, zu dem wir den Rollator über ein paar flache Stufen tragen, stammen aus der antiken Kurie auf dem Forum Romanum. Ein von der Schönheit der Kirche ergriffener junger Mann taumelt beim Eintritt schwärmend an uns vorbei. Ihm müssen wir zustimmen. Die Mosaiken der Apsis bezeichnen Kunsthistoriker zwar als mittelmäßig und starr. Na ja, wir haben da weniger Vergleiche und mäkeln nicht rum. Für uns sind die Fresken, die vergoldete Kassettendecke, die Mosaiken und vor allem das gotische Ziborium über dem Hauptaltar umwerfend.
Gegenüber der Kirche liegen die Reste des Papstpalastes in Form der Scala Santa. Die Heilige Stiege wirkt geschlossen und da wir in Bonn auf dem Kreuzberg auch eine haben, betrauern wir das nicht weiter, sondern passieren den Obelisken Thutmosis III. vor dem Lateran (aus dem Amuntempel in Luxor gestohlen) und nehmen uns die barrierefreie Taufkapelle vor.
Das achteckige Baptisterium des Lateran ist angeblich das älteste und gilt als Prototyp derartiger Bauten. Ursprünglich um das Jahr 315 von Konstantin gegründet, wurde es in den Jahren 432 bis 440 unter Sixtus III. zu einem Oktogon umgebaut. Momentan sind die Bänke rundum besetzt von Frauen mit Teelichtern in den Händen. Sie gehören zu einer, mit gelb-blauen Halstüchern ausgestatteten Pilgerinnengruppe, mit denen zwei Priester eine Andacht vor der Marienstatue murmeln. Als sie fertig sind, bestaunen wir die Seitenkapellen, Reste antiker Mosaiken, die Malereien und den Marmorfußboden. Die Säulen des Umgangs sind aus ägyptischem Porphyr. Nach der Besichtigung benutzen wir erstmals einen normalen Stadtbus, in denen das Ticket nur kontaktlos bezahlt werden kann, was uns mit Hilfe einer Einheimischen gelingt.
Tag 7:
Unabdingbares Muss ist das Pantheon. Wir benutzen den Stadtbus der Linie 64, der uns bis zum Largo di Torre Argentina bringt, über dessen Ausgrabungen aus republikanischer Zeit ich 1974 auf der Studentenexkursion referieren musste. Von dort aus ist es ein Katzensprung.

Wir biegen um die letzte Ecke und erkennen: Auch dieser Platz gleicht einem Wimmelbild. Aus der Nähe betrachtet sortiert sich das Volk in einzelne Schlangen vor den Ticketautomaten unter dem Portikus. Mein Mann ist forsch. Er nimmt eine Aufsichtsperson ins Visier, die sieht den Rollator und deutet ans andere Ende des Vorbaus. Dort sei eine Rampe. Wir benutzen sie, rollen vorbei an einer auch hier wartenden Reihe bis zu einer Kontrolleurin. Die fragt nur nach der Anzahl der Personen, reißt uns Tickets von einer Rolle ab und wünscht uns viel Spaß.
Wir betreten ohne jedes Warten den als Kirche benutzten ehemaligen Tempel aus dem 2. Jh.. Die Kuppel ist mit einem Innendurchmesser von 43,44 m bis heute die größte, die jemals aus unbewehrtem Beton gebaut wurde. Nachdem wir die einzelnen Gräber des Malers Raffael und der Könige ausgiebig betrachtet haben, suchen wir ein sonniges Café. Von dort aus verfolgen wir mit Ruhe die Schulklassen, Tourguides mit Fähnchen, Schirm oder Halstuch an einer Stange, die ihre Schäfchen diszipliniert zur Besichtigung führen.

Piazza Novona Keramikladen
Lässt man sich vom Menschenstrom treiben, erreicht man zwangsläufig die Piazza Navona. Relativ viel Polizei ist unterwegs, steht lässig herum, sperrt ab, regelt auch schon mal den Verkehr. Immer wieder sehen wir Teilnehmer des Marathons mit Medaillen um den Hals. Mein Mann hätte inzwischen auch eine verdient. Er fühlt sich heute fit genug, zu Fuß bis zur Piazza del Popolo zu laufen. Sein Schrittzähler liegt zwischen 10.000 und 14.000 Schritte pro Tag und will den Jubeldurchschnitt hochsetzen.
In der Ferne winkt der nächste Obelisk (1280 v. Chr. in Heliopolis aufgestellt und 10 v. Chr. nach Rom transportiert). Zeit genug haben wir, das Kopfsteinpflaster ist schadhaft, aber mit Konzentration zu bewältigen. Am Wegesrand erblicken wir hübsche, aber zugeparkte Innenhöfe, den altehrwürdigen Palazzo Borghese, heute Botschaft Spaniens, aus dem 16. Jh. und hinter der verglasten Ara Pacis (aufgestellter Altar zu Ehren Augustus aus dem Jahre 13 v. Chr., womit er nach seinen Siegen über Spanien und Gallien den Frieden feierte) das eingerüstete Augustusmausoleum.

Palazzo Borghese Hospital aus der Renaissance
Uns fällt Leerstand auf, z.B. die reichlich heruntergekommene Sala Lancisiana aus der Renaissance, die zum Hospital San Giacomo degli Incurabili daneben gehört und ein anatomisches Theater beherbergte. Das Netz gibt Aufschluss: Es wurde Ende des 16. Jahrhunderts vom Architekten Francesco Capriani im Auftrag von Kardinal Anton Maria Salviati erbaut und nach dem Arzt Giovanni Maria Lancisi benannt. Dort sollte, lt. Wikipedia besonders die Syphilis behandelt werden, damals eine aus Amerika frisch eingeschleppte und von Soldaten verbreitete Krankheit.
Seit Oktober 2008 ist das Krankenhaus nach 680 Jahren ununterbrochenen Betriebs abrupt geschlossen worden. Die adlige Erbin des Stifters hat gerichtlich einen Teilerfolg erreicht. Sie will, dass der Bau renoviert und wie ursprünglich benutzt wird.

Auf dem riesigen Platz am Fuße des Pincios, einem von sieben Hügeln, verliert sich das besichtigende „Popolo“ zwischen den großen Brunnen. Ein vergoldeter Pantomime lenkt uniformierte Schulklassen von den Erläuterungen ihrer Lehrer ab. Gleich hinter dem großen Stadttor befindet sich der Zugang zur Metro, die uns auch vom letzten Punkt unserer Reise zuverlässig zum Bahnhof bringt.
Wir haben mittlerweile eruiert, dass die Haltestelle des Shuttlebusses zum Airport nur acht Minuten Fußweg vom Hotel entfernt ist. Der Bus startet ab 4:15 Uhr halbstündlich und braucht vierzig Minuten. Seine Route gönnt im ersten Dämmerlicht einen letzten Blick auf den erleuchteten Justizpalast und die Engelsburg.
Um 6:20 sind wir in Fiumicino für den Abflug um 9 Uhr, der Schalter von Eurowings hat gerade geöffnet. Die Angestellte ordert für uns den Behindertenservicemann, von unserem Herrn Krause in Hennef angemeldet, der uns gleich zum richtigen Gate rollt. Ein anderer holt uns dort ab, als das Boarding beginnt, und liefert uns direkt am Flugzeugeinstieg ab, bevor alle anderen Fluggäste einsteigen dürfen. In Köln/Bonn steigen wir erst aus, als der Rollstuhl da ist und sowohl Koffer als auch Rollator sind vor uns schon am Band eingetroffen. Jetzt fehlen nur noch die Aufzüge zum Bahnsteig der S19, die wir ohne Hilfe schaffen.
Fazit: Auch mit Handicap kann man sich an Städtereisen wagen. Rom war jedenfalls rundum gelungen. Allerdings sollte auch eine Archäologin Mut zur Lücke haben und nicht jeder Säulentrommel Guten Tag sagen wollen.



