Die Frage des letzten Tages war: Wo sind die Kreidefelsen? Google verriet: Cap du Blanc Nez an der Opalküste, dreizehn Kilometer weiter südwestlich. Dort sollte es neben Bunkern auch die besten Ausblicke geben. Da unser Übernachtungsplatz unbewacht war, wollten wir keines unseres Autos zurücklassen. Die Besichtigung musste mit dem ganzen Gespann machbar sein. Hinter Sangatte tauchte das Denkmal auf der Spitze des Kaps auf. Als wir uns näherten, sahen wir, dass ein Balken die Höhe der Zufahrt zum Parkplatz beschränkte. Hier waren nur PKWs erwünscht. Kein Problem, ich hatte mir ja die Karte eingeprägt. Das nächste Dorf, Escalles, war nur drei Kilometer entfernt. An der ersten Kreuzung zeigte ein Schild zum Busparkplatz, wie für uns gemacht. Dort stellten wir den Geschwindigkeitsrekord auf: Parken, Gurte von Knubbels Reifen, Wagen abladen, Gurte wegschließen, Jacken rein, Rucksack um, Wasserflasche und Bonbons mit und nach zehn Minuten parkten wir vor dem Eingang zur 134 m hohen Klippe. Ha, das soll uns einer nachmachen.





Die Sicht war gut, Dover blinkte am Horizont. Die Bunker ließen wir links liegen. Auf dem benachbarten Hügel stand ein Fernsehturm o.ä. Drumherum sind heute noch die Bombenkrater in den Kuhweiden sichtbar. Viele Wanderer umkreisten wie wir den Obelisken, der zur Erinnerung an die britische Dover Patrol des Ersten Weltkrieges errichtet wurde. Dabei fielen mir die oberen Schichten der Kreidefelsen auf, in die als Bänder Feuersteine eingelagert liegen, die manchmal – wenn sie nicht angeschlagen sind – aussehen wie weiße Mörtelmasse, die aus den Fugen gequollen und dann erstarrt ist. Darunter liegt Mergel mit Versteinerungen.

Noch mehr als das Winken nach England reizte mich die Steilwand von unten. Es gab einen strandnahen Parkplatz, von dem ein für Kurt leicht begehbarer Weg zu einer Scharte mit betoniertem Pfad führte. Letzterer endet auf einer Plattform fünf Meter über dem Strandniveau. Von dort kann man sicher auch gefahrlos die Flut sehen, die hier 6 m betragen kann. Derzeit war aber Ebbe und viel Volk unterwegs. Kurt blieb erstmal auf der Plattform, während ich Steine sammeln ging. Gelocht fand ich nur einen. Von der Wand brechen immer wieder Teile ab, auch Bunkerbrocken aus Beton lagen unten. In den Schuttkegeln waren etliche Leute mit Geologenhammer unterwegs. Das gab mir zu denken. Hätte ich nur früher gelesen, dass gerade diese Stelle ein Eldorado für Fossiliensammler ist! Dann wären wir länger dort geblieben. Kurt drängte es ebenso auf den Strand und der Untergrund war, abgesehen von der Durchquerung einer Minifurt über Trittsteine, fest genug für den Rollator.




„Bleiben wir hier auf diesem Busparkplatz“, fragte ich mit Blick auf eine marode Windmühle. „Oder übernachten wir nochmal auf demselben Platz wie gestern?“
„Ruhig ist vermutlich beides. Von Calais aus erreichen wir morgen die Autobahn schneller.“
„Dann machen wir das.“


Die Hälfte der noch vor uns liegenden Strecke war in Huy absolviert, westlich von Liège. Das Städtchen sollte sehenswert sein, eine Festung, davor eine große Kirche und eine alte Brücke. Ein nettes Restaurant lockte uns bei milder Temperatur ins Freie. Der Stellplatz am Ufer der Maas war nur ein normaler Parkplatz und mit PKWs verstellt, ein Stück weiter vor einem Internat und einem imposanten Gerichtshof an der Bundesstraße parkten wir auf dem Parkstreifen. Ein Fehler. Ein stimmungsvoll beleuchtetes Schiff am Kai servierte nur Cocktails, ebenso eine Kneipe in Kirchennähe. Das Gotteshaus war geschlossen.

„Schau mal, mediterrane Küche. Das klingt doch super.“ Die Bedienung war sehr nett, drinnen war es voll, aber draußen aßen wir mit Blick auf die Festung ein tunesisches Essen, das seinen Preis wert war.


Hätten wir nur auf einen Standplatz gewechselt, den wir auf dem Rückweg in einer Allee sahen! Dahinter trennte uns ein unbeleuchteter Park von der Bundesstraße. Ich war mir sicher, auf dem Hinweg eine Frau gesehen zu haben, die aus diesem Park kam und eine Treppe benutzte. Die suchte ich. Kurt meinte einen Weg zu sehen, aber die Handylampe zeigte nur einen abschüssigen Grasabhang, der auf einer ein Meter hohen Mauer endete, die Kurt völlig übersah. Alleine wäre er ins Leere getreten. Mit der linken Hand schleppte ich den Rollator und rechts drückte ich Kurt weg von der Kante. Endlich sah ich eine Rampe, die hinunter führte.
Um nicht als wilde Camper aufzufallen, verdunkelten wir das Fahrerhaus nicht, sondern zogen nur den Vorhang vor die Schlafkabine. Aus demselben Grund kam Fernsehen nicht in Frage, zudem streikte die Solarzelle. Es wurde die ungemütlichste Nacht der ganzen Reise, weil jedes Auto, das an uns vorbeiraste – abgesehen von der Lautstärke – mit seinem Fahrtwind das Womo zum Schaukeln brachte. In den frühen Morgenstunden ebbte zwar der Verkehr ab und wir schliefen ein wenig, aber fürs Frühstück suchten wir lieber den nächsten Autobahnrastplatz auf. Dort war der Geräuschpegel erheblich niedriger.

Auf den letzten zweihundert Kilometer hielt uns ein kilometerlanger Stau bei Köln Eifeltor auf, da dort wegen der Brückenschäden gewogen wird. Die zunehmende Sorge, warum unsere zweite Batterie plötzlich weder von den Solarzellen noch der Lichtmaschine geladen wurde, beunruhigte uns. Erst fiel das Radio aus, dann ließ sich die Treppe nicht mehr bewegen und die Kontrollleuchte blinkte nur noch. In Hennef deponierten wir den Anhänger und landeten am Nachmittag bei bestem Wetter daheim. Nun hat die Werkstatt Zeit, den Fehler zu finden.
