Am nächsten Morgen traten wir die Heimreise an, ganz gemächlich ohne Hetze. Die Schranke öffnete sich problemlos, was keine Selbstverständlichkeit war. Ich hatte als nächstes Etappenende ein monumentales Steingrab südlich von Caen ins Auge gefasst. Das Navi stellte sich quer und wollte uns auf irgendwelche Feldwege lotsen, aber da hatte es nicht mit mir gerechnet! Mein Orientierungssinn ist nicht leicht zu überlisten. Zielsicher erreichten wir Fonteney-le-Marmion und dort den Wiesenplatz einer kleinen Pension, die ich auf der Luftaufnahme für das Verwaltungsgebäude der Sehenswürdigkeit gehalten hatte. Die Besitzerin, die seit zehn Jahren hier lebt, hatte jedoch mit der Ausgrabung nichts zu tun und keine Einwände, hinter ihrem Haus über Nacht zu bleiben. Einzige Bedingung war, ihren Gästen nicht die Sicht auf die Gräber zu verstellen. Der gutmütige und gesetzte Haushund, der Renés Ayo sehr ähnlich sah, pinkelte an die Felge unseres Anhängers und damit integrierte er uns anscheinend ins Rudel.




„Machen wir als erstes ein Mittagschläfchen“, schlug ich vor. „Danach trinken wir Kaffee und dann wird die Sonne so stehen, dass die Schatten das Bild für die Drohne am besten plastisch machen.“ Das Gelände war zwar eingezäunt und die Zugänge abgeschlossen, aber der Maschendrahtzaun war an einer Stelle so verbogen, dass ich mich durchschlängeln und alles aus der Nähe betrachteten konnte, bevor Kurt die Drohne einsetzte.

Der Tumulus gehört zur sog. La-Hoguette-Gruppe, der ältesten keramikführenden Gruppe der Region, bei Radiokohlenstoffdatierungen im Wesentlichen von 5800 bis 5500 v. Chr. datiert. Der einst acht bis zehn Meter hohe, beinahe rechteckige Kreidehügel ist etwa 49 m lang und 37 m breit und enthält zwölf runde Grabkammern, von denen elf durch gedeckte Gänge erreichbar sind. Vereinzelt tritt die Keramik, die man da fand, zusammen mit später Linearbandkeramik auch in Süddeutschland auf. Die Bewohner bevorzugten die Viehzucht. 1829 grub hier der „Vater der normannischen Archäologie“, Arcisse de Caumont. Seit 1905 steht die Anlage unter Denkmalschutz. Die Gänge und Kammern aus Trockenmauerwerk enthielten menschliche Knochen, die wegen des hohen Kalkanteils im Boden erhalten waren. Eine Kammer wies eine altarartige Konstruktion aus Platten auf.

„Bleiben wir hier? Ich bin nochgar nicht müde“, sagte Kurt. „Lass uns noch ein Stück fahren, umso mehr Zeit bleibt übrig. Ich würde zu gerne doch noch nach Calais und die Klippen von Dover sehen.“
„Warum nicht“, ich studierte die Straßenkarte. „Direkt an der Strecke liegt einer der Orte, die auf der Liste der schönsten Dörfer Frankreichs stehen: Beuvron-en-Auge. Schauen wir mal.“ Der Abstecher war kein großer Umweg und Kurt meisterte die schmale Landstraße, auf der zum Glück wenige Autos entgegen kamen. Wir fanden auch mit unserem Gespann gerade noch einen Platz auf dem frei zugänglichen offiziellen, gut besuchten Stellplatz. Wasser und Entsorgungseinrichtung gab es hier, Strom nicht, dafür ein Bombardement von reifen Kastanien. Eine Angestellte der Gemeinde klopfte, während ich kochte, an unsere Tür und kassierte 10 Euro vor Ort. Sie erwähnte, dass im Dorf bis 22 Uhr noch die Beleuchtung eingeschaltet sei. Also unternahmen wir nach dem Abendessen noch einen kleinen Spaziergang und waren begeistert!

Wir ließen uns Zeit am Morgen, schauten uns ausgiebig rund um den zentralen Platz und den hinausführenden Straßen um. Die schmucken restaurierten Häuser stammen mehrheitlich aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die drei Herrenhäuser : Manoir du Lieu Hocquart, das Manoir de l’avenue de la gare und das Manoir de la Hogue aus dem 15. und 17. Jahrhundert.






Die Markthalle, die im Einklang mit den alten Bautechniken und Materialien von benachbarten Bauernhöfen restauriert wurde, dominiert den Hauptplatz. Im Haus des Wagners (Maison du Charron) mit seinem Vorbau wurden früher die Wagenräder hergestellt. Ein neues Gebäck in (Kalorien)-Bombenform stellte sich als cremegefülltes Baiser heraus.

Gegen Abend erreichten wir auf der Autobahn ohne nennenswerten Zwischenstopp Calais. Wir wären sogar ausnahmsweise auf den Campingplatz gegangen, aber der war voll. Ein Italiener mit einem Gebiss, das einem Ruinenfeld ähnelte, verriet uns im Vertrauen, dass in Sichtweite am Jachthafen ein kostenloser Parkplatz sei, gerade in der Nebensaison für Womos wie gemacht. Außer uns standen etwa zehn Fahrzeuge da und mehr als zehnmal so viele hätten Platz gehabt. Zur Entsorgung ging ich am nächsten Tag einfach hinüber zum Zeltplatz, denn der Ablass lag vor dem Eingang. Wir schliefen sehr gut und ruhig.

