Zeitreise in die Normandie (7)

Bevor wir uns wieder zum Stellplatz bequemten, warfen wir in Port-en-Bessin-Huppain noch einen Blick in den Hafen, der durch eine Dockschleuse tideunabhängig abschließbar ist. Die Einfahrt überwacht der Turm Vauban, 1694 als Bastion gegen Piraten und gegen eine englische Invasion errichtet.

Dringend war wieder ein Trödeltag angesagt. Alles musste mal gereinigt und Wasser aufgefüllt werden. Am Abend machten wir das Gespann schon reisefertig, weil wir anderntags beizeiten aufbrechen wollten. Mit der Info, dass bei Verlassen des Platzes problemlos nachbezahlt werden könne, wenn man länger geblieben ist, hatte ich mir weiter keine Gedanken gemacht. Während noch das Grauwasser ablief, widmete ich mich dem Kassenautomaten daneben, um das nun zu bewerkstelligen. Denkste. „Warum willst du nicht? Stell ich mich so blöd an?“ Die Bezahlsäule verweigerte stur den Dienst. Wieder den Platzwart angerufen. Inzwischen ging das wie geschmiert.

Er kam mit dem Motorrad angefahren und wir diskutierten! Auf Französisch! hélas! Ohne KI oder Google Translator. Heidenei! Noch lege ich mir die Sätze zurecht, aber die Vokabeln tauchen plötzlich aus der Versenkung. An meiner Eingabe, die ich unter seinen Augen wiederholte, lag es eindeutig nicht. Die war richtig gewesen. Mir kam ein Verdacht, was dieses Gerät an seine Grenzen gebracht haben könnte. Und der Mann bestätigte mir: Weil der Smart vor der Schranke geblieben war, hatte uns der Kassenautomat, obwohl ich „zeitweises Verlassen“ eingegeben hatte, als endgültig weggefahren aus dem System gelöscht. Vor wieviel Tagen dies geschehen war, wird nirgends gespeichert. Nachzahlen war deshalb unmöglich. Nun war aber auch der Code fürs Rausfahren abgelaufen, ohne den sich die Schranke nicht öffnet. Wir buchten uns neu ein. Im Endergebnis haben wir fünf Tage hier gestanden und nur drei bezahlen müssen.

Auf der Karte sah die Etappe weiter aus als sie tatsächlich war. Um 11 Uhr waren wir en route und der morgendliche Küstennebel hatte sich in Bayeux schon verflüchtigt. In einem Dorf löschte die Feuerwehr gerade einen Brand in einer Scheune, aus deren Dach es gewaltig qualmte. 13 Uhr näherten wir uns Mont Saint-Michel und bekamen schon aus der Ferne einen Fotokoller. Ein Stellplatz am Ortsrand eines kleinen Dorfes, den ich per Google Maps entdeckt hatte, war brandneu angelegt, ausgestattet mit allem, aber leer. So einsam wollten wir unser Auto keinesfalls allein lassen. Lieber kehrten wir um und entschieden uns für den Vorort Beauvoir.

Die Einfahrt in den Aire de Camping-Car für 120 Fahrzeuge kostete mich einigen Schweiß, obwohl wir in Biarritz Mitglied dieser Campingvereinigung geworden waren. Die Bezahlung klappte zwar, aber der Code für die Schranke blieb ein Geheimnis. Zum Glück bediente die Zentrale aus der Ferne die (schadhafte) Schranke, hinter der wir nur eine Kurve kratzen mussten und schon standen wir mit unserem ganzen Gerödel direkt am Zaun. Der Smart war flott abgeladen und einem Erkundungsspaziergang lag nichts im Wege. Ideale Verhältnisse sehen so aus: ein Laden mit regionalen Spezialitäten und ein normaler Supermarkt um die Ecke. Direkt hinter dem Gelände verläuft ein Deich, an dessen Ende man in 5 km Entfernung direkt den Klosterfelsen leuchten sieht. In der Abendsonne gingen wir darauf zu, aber es war doch zu weit zu laufen. Im Restaurant mal zu essen, gelang uns auf Anhieb, obwohl wir nicht reserviert hatten und zunächst vertröstet wurden. Man muss an der Tür auf Tischzuweisung warten. Die Fish & Chips schmeckten, reichten aber nicht an die Qualität von Ijmuiden ran.

„Wir stellen uns den Wecker. Hier steht, man soll für eine Besichtigung so früh am Tag wie möglich eintreffen, damit es nicht so voll ist“, zitierte Kurt aus dem Reiseführer. „So wie im Sommer wird es zwar nicht sein. Aber dann beißen wir halt mal in den sauren Apfel.“ Na, gut.

Um 6 Uhr bimmelte der Wecker und 7:30 standen wir am Busparkplatz für den kostenlosen Shuttle zum Kloster. Die Busse haben wie Straßenbahnen hinten und vorn eine Fahrerkabine, so dass das Fahrzeug nie wenden muss, sondern einfach nur der Fahrer die Position wechselt. Gleich am Anfang der auf Stelzen gebauten Zufahrt tauchte die Spitze des Bergs aus dem Nebelmeer. Man schaut mit offenem Mund und vergisst die Kamera. Der irre Anblick des Ziels faszinierte uns genauso wie die anderen Touristen. Die Szene hatte etwas Surreales, denn fast lautlos und langsam passierte der Bus Asiaten, die wie Perlen auf der Schnur als nebelumwaberte Geister den Weg säumten – alle reglos mit ihren Handykameras in dieselbe Richtung knipsend. Als Szene für einen Gruselfim kaum besser zu inszenieren.

Etwa zweihundert Meter vor der Insel lud uns der Bus ab, so dass wir staunend dem Objekt entgegen gingen, das mehr und mehr von der Morgensonne in goldenes Licht getaucht wurde. Im Sommer muss es irre voll sein, jetzt waren wir die ersten in dem menschenleeren Dorf, das nur 42 ständige Bewohner hat. Die Läden öffneten gerade.

Mit Rollator sollte es schwierig werden, so viel war sicher. Ich trug ihn über manche steile Treppe und auf die Stadtmauer hoch, auf Kopfsteinpflaster ruckelte es Kurt durch. Nur die 350 Stufen zur Abtei schenkten wir uns. Wir haben genug gotische Kirchen und Kreuzgänge gesehen. Die Lücke ließ sich verschmerzen. Allein der Blick von den verschiedenen Aussichtspunkten in jede Richtung und von oben in die Gässchen war ein Hochgenuss. Übrigens fiel uns jetzt auf, dass – ganz anders als in Rom – bisher niemand auf die Idee gekommen war, uns Hilfe anzubieten. Ob es damit zusammenhängt, dass nach Rom eine andere Klientel reist bzw. der Heilige Geist dort mehr Einfluss hat?

Mehrmals überflog uns eine Noratlas, ein zweimotoriges militärisches Transportflugzeug aus der Zeit des Kalten Krieges (französische Produktion und später von Deutschland in Lizenz gebaut) und warf zwanzig Fallschirmspringer in unterschiedlichen Höhen raus. Kurt war ganz elektrisiert, denn dieses Flugzeug ist wohl das einzige dieses Typs, das in Europa noch fliegt, alle andern stehen im Museum, nachdem ihre Aufgaben von der Transall übernommen wurden. Ein Militärhubschrauber umkreiste uns einige Male und über den Stellplatz flog später ein Jet, auf die Seite gelegt, so tief, dass man die Piloten und die Instrumente erkennen konnte.

Noratlas

In einem Selbstbedienungscafé – leider ohne Fenster – gönnten wir uns eine Pause. Was täuschend wie Käsekuchen aussah, entpuppte sich als Puddinggebäck, begehrlich beäugt von zwei Spatzen, die munter im Laden von Tablett zu Tablett hopsten. Quark scheint unbekannt in Frankreich. Nicht mal bei Lidl war er zu kriegen. Um 13 Uhr waren die Gassen gut gefüllt und wir fuhren mitsamt einem im Watt aufgeklaubten Granitgeröll zurück.

Nachmittägliches Ausflugsziel war eine Windmühle am Ortsrand, die gerade Mittagspause machte, aber sonst noch arbeitet. Am Abfahrtstag sahen wir die Flügel drehen.

Kurt stellte fest: „Jetzt fehlt uns noch der Anblick bei Flut, wenn das Wasser bis an die Mauer reicht.“ Nur mit dem Gezeitenkalender kamen wir Landeier nicht zurecht. Laut Gezeitenkalender sollte die Flut 17:30 einsetzen. Wir warteten ab 15 Uhr, weil wir rechtzeitig einen guten Sichtplatz haben wollten. Aber es gibt zwei Kaps gleichen Namens: Pointe du Gouin. Unseres, in der Nähe von Avranches, war das falsche Kap. Da rauschte gar nichts in Galopptempo an uns vorbei. Umsonst die Zeit vertan, aber entspannt. Die Stelle war eine sehr schöne Felsennase mit der Vogelschutzinsel Tombelaine im Fokus. Erst beobachteten wir aus dem Watt kommende Schulklassen. Etliche Leute picknickten hier und warteten ebenso, was sich ein Imbisswagen zunutze machte. Wir waren um 19 Uhr die letzten, die frustriert abzogen. 20 Uhr waren wir zurück beim Womo, gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang.

Am nächsten Tag nutzten wir ausnahmsweise die Fahrräder, um so nah wie möglich auf einem Deich westlich des Flusses Drohnenaufnahmen zu machen. Bis jetzt hatten wir die Räder nicht ausgepackt, denn an der Nordküste waren die Straßen sehr schmal und Radwege Seltenheit. Das war uns zu gefährlich. Kurt wollte unbedingt mit dem Rad bis zur Klostermauer fahren. Der Feldweg unterhalb der Stelzenstraße war huckelig und endete an einem Zaun, der sich mühelos überwinden ließ. In Richtung des gestrigen Kaps stand um 18 Uhr das Wasser deutlich höher, aber die Mauer erreicht es vielleicht mitten in der Nacht. Wir waren zu kaputt, um so lange wach zu bleiben.

Von den Polderwiesen aus war die Sicht dennoch fantastisch. Leider kam ich auch dort zu Fuß nicht bis ans Wasser. Der Wasserstand des Flusses war dagegen recht hoch. Eine Sperre öffnet sich bei einsetzender Ebbe, damit es die abgelagerten Sedimente aus der Zeit, als der Zugang noch eine Deichstraße war, mit Schwung wegspült. Der Staat will den einzigartigen Inselcharakter wieder original herbeiführen. Aber das dauert.

Am 23. September frühstückten wir mal draußen, kauften Mitbringsel ein und vertäuten dann den Smart auf dem Hänger.

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