Zeitreise in die Normandie (5)

Hatten wir in Honfleur noch für 1,99 Euro E10 getankt, so kostete uns der Diesel 2,34 Euro, als wir nach ein paar Tagen weiterzogen, leider 50 km in die falsche Richtung nach Südosten. Der Ärger hielt sich in Grenzen, da mich in Appeville-Annebault ein merkwürdiger Turm direkt neben dem Kirchturm faszinierte. Es sah fast aus wie eine Rakete. Deshalb überredete ich Kurt zu parken und ich sprang mal zurück, um mir das aus der Nähe anzusehen. Später habe ich noch mehrere Kirchen gesehen, mit so einem runden Treppenturmanhängsel. Was es damit auf sich hat, konnte ich bis jetzt nicht klären. Die aus dem 11. Jahrhundert stammende Kirche wurde ab 1518 umgebaut. Ist innen nur eine Rampe für Arbeitstiere statt Stufen? Warum reichte die Treppe im Glockenturm nicht?

Als nächstes steuerten wir Bayeux an. Der Stellplatz nahe dem Kriegsmuseum wäre für uns evtl. für eine Nacht in der Not mit abgehängtem Anhänger geeignet gewesen (eine mit Schranke abgegrenzte Straße mit schräg zur Mauer verlaufender Reihe von Plätzen für 8m lange Fahrzeuge.) Wir wollten aber in dieser Gegend länger bleiben, brauchten also etwas für unbegrenzte Zeit und abgeschlosseneres Gelände. Aus der Kleinstadt gelangten wir ohne Schwierigkeiten an die Küste nach Port-en-Bessin-Huppain. An der Eingangsschranke buchte ich zunächst für zwei Tage und mittlerweile war mein Französisch derart reaktiviert, dass ich mich verständlich machen konnte, ja einmal sogar im Traum Französisch gesprochen hatte. Jedenfalls musste ich telefonisch mit dem Parkplatzwächter klären, ob wir mit dem Smart rein und rauskonnten, ohne nochmal bezahlen zu müssen. Alles machbar.

Der nächste Vormittag war ruhig, der Platz (für 32 Wohnmobile) mäßig besetzt, die Gelegenheit günstig, den Smart abzuladen. Dazu mussten wir kurzzeitig die Durchfahrt blockieren. Kaum hatten wir zwei Gurte von den Reifen gelöst, herrschte uns plötzlich ein französisches Rumpelstilzchen an, weil es sein Womo nicht umgehend einparken konnte. Für seine Schimpfkanonade sparte ich mir die Übersetzung. Seulement cinq minutes! Sogar bei unseren Nachbarn gestikulierte und grölte er anscheinend über die blöden Deutschen, obwohl jeder mit Augen im Kopf sehen konnten, was wir gerade machten. Ich musste an Les aventures de Tintin denken. In den Sprechblasen Kapitän Haddocks waren immer Gewitterwolken, Hakenkreuze, Blitze und explodierende Kugelbomben zu sehen, wenn er wütend war. Da kannst du nur den Kopf schütteln. Da uns das zeitweise Verlassen mit Schranke zu blöd war, ließen wir den Smart auf dem kostenlosen PKW-Parkplatz davor und bewegten den Anhänger erst wieder zur endgültigen Abfahrt. Das sollte jedoch noch ganz abndere Konsequenzen haben!

Am Mittwoch war eine Gasflasche leer, wir brauchten Ersatz, kauften eine französische und fanden in unserem Vorrat auch den passenden Adapter. Die schmalen Sträßchen in der Umgebung waren mit unserem Knubbel wunderbar befahrbar. Zuerst zog es uns an die Omaha-Beach. Am weitesten Punkt, in Colleville-sur-Mer, fingen wir mit dem amerikanischen Soldatenfriedhof unser Programm an. Im Eingangsmuseum wird die Abfolge der Invasion anhand von Einzelschicksalen verdeutlicht. Woher kamen die Soldaten, was wurde aus ihnen, falls sie überlebten, Ausrüstung, Zitate aus Briefen. Dazu sieht man einen Dokumentarfilm aus Originalaufnahmen der Kämpfe. Trotz Nebensaison war der Platz gut besucht, aber die Menge verteilte sich. Der Rundtempel in der Mitte ist dem Heldenkult gewidmet mit Nationalfahnen etc.

Normandy American Cemetery

Draußen erwarteten uns über 9300 Grabkreuze in einem gepflegten Park mit zwei Pavillons. Im Overlord-Museum unweit wird mit vierzig Fahrzeugen, Tankern und Kanonen – in Szenen drapiert mit Geräuschen – die Vorbereitungen, der Landungsvorgang der Truppen erklärt und Filmausschnitte mit Originalaufnahmen veranschaulichen den ganzen Ablauf auf 2200qm (Ergebnis von 50 Jahren Recherche der Gründer). Die Bevölkerung litt erst unter den Deutschen, (die nicht nur mit ihren Lebensmittelbeschlagnahmungen eine Hungersnot auslösten, willkürlich Widerständler hinrichteten und natürlich englische Luftangriffe provozierten), dann kaum weniger unter den Alliierten, die nach der Landung die Deutschen vertreiben wollten. Viele Amerikaner dachten anscheinend, der Krieg werde nach der Landung höchstens noch fünf Tage dauern, aber er zog sich noch fast ein Jahr hin. Die windabweisenden Hecken boten den Verteidigern willkommene Deckung. Die ersten Reihen junger Männer, die von den Booten sprangen, wurden als Kanonenfutter niedergemäht und wussten sicher vorher von dieser Gefahr, waren aber vermutlich getragen von der vagen Hoffnung, dass es gerade sie nicht erwischen würde.

Den Strandabschnitt Omaha Beach suchten wir danach auf. Heute ist da ein bequemer Rasenparkplatz. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie heute die Welt aussähe, hätten Roosevelt und Churchill ihre Soldaten nicht für unser aller Freiheit in den Tod geschickt.

Omaha-Beach
Memorial

Die Kirche Notre-Dame-de-l’Assumption in Colleville-sur-Mer aus dem 12. Jahrhundert fotografierte ich gerade von außen und sah plötzlich, dass die Tür noch offen stand. Doch als ich die Mauer umrundet hatte, schloss der Küster gerade ab. Das von den Alliierten schwer beschädigte Gebäude, wurde restauriert.

Am folgenden Tag brauchte Kurt dringend eine Pause, ihm war übel, er taumelte auf den Füßen. Rätseln, spielen, schlafen war angesagt. Nachmittags regnete es ein bisschen, aber abends hatten wir wieder 21° Grad.

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