Hatte es nachts ein bisschen gefisselt, so überraschte uns der 12.September mit bestem Wetter und nichts hielt uns von einer Besichtigung Honfleurs zurück. Von einem Ah und Oh fielen wir ins andere, als wir mit dem Smart eine Runde durchs Städtchen fuhren, zuerst bergauf zum Friedhof, dann ums Hafenbecken herum, wo wir unbedingt eine Kaffeepause einlegen mussten. Das war der teuerste Kaffee der ganzen Reise : 30 Euro für ein dürftiges Stück Apfeltarte an einem Bällchen Vanilleeis und einem kleinen Latte Macciato. (Die Franzosen haben mit Kuchen offenbar ähnlich wenig am Hut wie die Holländer – bis auf Apfeltarte) Auch der Preis einer Rispe Tomaten hatte Apothekenniveau.



Ein Highlight ist die Katharinenkirche aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Der Vorgängerbau aus Stein wurde im Hundertjährigen Krieg zerstört und weil man schnellstmöglich eine Kirche brauchte, bauten die Schiffszimmerleute eine aus Holz. Der Glockenturm aus Eiche steht an der Stelle des alten Glöcknerhauses. Das Spazieren war mit Rollator auf dem Kopfsteinpflaster etwas mühsam, aber solche Kleinigkeiten halten uns nicht auf. Kurt hatte allerdings gehörig Muskelkater in den Armen. In der ganzen Stadt verteilt sind Bronzewerke eines Künstlers (käuflich), der seine Menschenfiguren bruchstückhaft gegossen hat. Zumindest originell. Ein Preis stand nicht dabei.






Am Wochenende ist die Stadt von Busladungen voller Touristen so überlaufen, sonntags vor allem, nur im Musée Municipal Eugène-Boudin konnte man ihnen ausweichen. In Honfleur trafen sich im 19. Jahrhundert Maler: Courbet, Sisley, Jongkind, Claude Monet, Pissarro, Renoir und Cézanne trafen sich hier häufig. Hier wurde 1814 Eugène Boudine geboren, einer der ersten Freiluftmaler. Seine Künstlerkolonie gilt als eine der Geburtsstätten des Impressionismus. Das Museum zeigt Bilder von Boudin Claude Monet und Gustave Courbin. Davon würde man sich einiges zuhause aufhängen.

Nachmittags erholten wir uns am Strand von Honfleur, der wenig besucht war. Auch da gab es im Strandlokal nur Apfeltarte. Mich entzückten die vielen gelochten Feuersteine, die ich auf Anhieb entlang der Wasserkante sammelte. Notgedrungenblieb Kurt im Lokal sitzen, denn auf weichem Sand rollt ein Rollator nun mal extrem schlecht. Die Tasche daran ist aber enorm praktisch, um die Funde zu verstauen.





Morgens trödelten wir, bevor wir aufbrachen, um die Küstenroute zu erkunden. Im Reiseführer war eine Kirche erwähnt, die auch prompt am Weg lag. Église Saint-Martin de Cricquebœuf (auch bekannt als Efeukapelle oder Chapelle aux lierres) Das romanisch-gotische, leider geschlossene Kirchlein stammt im Kern aus dem 12. bis 13. Jahrhundert und ist typisch für die normannische Baukunst. In Saint André de Vierville-sur-Mer hielten wir an und ich umrundete die innen etwas düstere Kirche. Auf der ganzen Strecke entzückten uns Fachwerkvillen, eine schöner als die andere, mit unverbaubarem Blick aufs Meer. Dass es mir vorkam, als sei ich in England, war kein Wunder: Die Anlehnung an die im 19. Jh. in England sehr beliebte Neo-Tudor-Architektur, der Rückgriff auf architektonische Elemente wie das Bow-Window und die Einbindung in einen Landschaftsgarten brachten den Begriff anglo-normannisch hervor. Selbst Neubauten werden im selben Stil errichtet, im Idealfall sogar mit Reetdach.



Bald erreichten wir Deauville-Trouville, die Erholungsorte des Fin de siècle für reiche Pariser. Den Jachthafen überquerten wir zu Fuß auf einer ampelgeregelten Zugbrücke und fuhren dann die Uferstraße ab. Der Fischmarkt lässt den Trubel erahnen, die Strandhütten mit den Namen ehemaliger prominenter Hollywood-Gäste muss man nicht gesehen haben. Vor einem der Kurhäuser saßen wir eine Zeitlang und beobachteten die Boulespieler, echte Profirentner, die mit Zentimetermaß und Magnetfäden konzentriert bei der Sache waren.






