Zeitreise in die Normandie (3)

Am 10.September 2026 konnten wir es kaum erwarten, endlich an der Alabasterküste einzutreffen: Die Fotos der Felsentore erinnern stark an die Algarve. Aber unser Frust stieg von Stunde zu Stunde. Wo wir auch persönlich oder telefonisch anfragten, alle Plätze waren voll oder wollten so ein langes Gefährt nicht unterbringen. Etretat, Fécamp, Yport, mehr im Landesinnern. Nicht mal für eine Nacht und wir gierten doch nach Ausblicken, Wanderungen, Strandnachmittagen etc.! Auf einer der Anlagen, die wir befuhren und Platz sahen, behauptete man, alles sei vorgebucht. Wir hatten den Eindruck, dass unsere Generation komplett auf Achse sei. Wir umkreisten die Orte teils auf Waldwegen und durchquerten die Menschenmengen von Etretat. Alles vergeblich. Selbst dort, wo Wanderwege kreuzten, konnten wir nur für ein schnelles Foto halten.

Hundertprozentig sollte man dem Navi nie vertrauen. Uns kostete das jedenfalls einige Nerven. Ich schrie noch: „Nicht da runter!“ Da war es schon zu spät. Einbahngasse. Rechts parkten Kleinwagen auf markierten Streifen, mal mehr, mal weniger weit vom Bordstein entfernt. Unser Anhänger ragt mit seinen Rädern auf jeder Seite zehn Zentimeter übers Wohnmobil hinaus. Langsam tastete sich Kurt voran.“Stop“, mir sträubten sich die Haare, „der rote Wagen steht mit seinem Kotflügel zu weit raus und links schrappst du schon den Bordstein!“ Rückwärts war gar keine Option.

Ein Anwohner wurde auf uns aufmerksam und winkte von vorn. Kurt stieg aus und überlegte. „Ich fahre mit einem Reifen des Anhängers auf den Bordstein.“ Das klappte ein paar Meter lang. Dann saß eine Stufe bündig auf dem Bordstein. Das war’s, dachte ich, aber Kurt behielt die Nerven. Die armen Felgen! Wenn uns jetzt ein Reifen platzt, dachte ich, hängen wir fest und blockieren die ganze Straße. „Müssen wir abhängen?“

Millimeterarbeit in Zeitlupe und dann war der nächste PKW wenigstens etwas schmaler. Der hilfreiche Mann applaudierte, als wir durch waren. Es hatte keinen Zweck, in diesem Ort weiter zu suchen. Längs der Ausfallstraße sahen wir die Wagen kilometerweit geparkt. Selbst wenn wir da gestanden hätten, wäre der Weg mit Rollator kaum zu bewältigen gewesen. Selbst die weitere Landstraße brachte bis Le Havre keine Lösung. Schade. Da hätten wir tatsächlich vorbuchen müssen. Aber dann ist ja die Wohnmobilistenfreiheit passé, die den Charme des Sich-treiben-lassens gerade ausmacht.

„Fahren wir durch bis…“ – ich inspizierte Karte und Stellplatz-App – „Honfleur. Vielleicht ist der Platz groß genug.“ Was blieb uns anderes übrig? Jedes Missgeschick hat auch was Gutes, bewahrheitete sich mal wieder.

Zuerst bewunderten wir die wahnsinnige Brücke über die Seinemündung bei Le Havre. Die mautpflichtige Schrägseilbrücke hat eine Länge von über zwei Kilometern. Die Pylone sind 214,77 m hoch und tragen je 4×23 Kabel, insgesamt 184 Schrägseilkabel an beiden Pylonen. Die Durchfahrtshöhe für Schiffe beträgt beim höchsten bekannten Wasserstand 52 m, ist also etwas niedriger als die von Lissabon, aber dafür geht es recht steil hoch. Wir betrachteten sie zu Fuß, ein Stellplatznachbar befuhr sie auch mit dem Fahrrad, aber das Internet rät ab, da der Fahrradstreifen wohl sehr schmal ist und die Autos eng vorbeifahren.

Unweit dahinter erreichten wir den großen Stellplatz, auf dem am späten Nachmittag die Wohnmobile schon dicht an dicht parkten. Die Plätze leeren sich gegen Mittag und füllen sich dann wieder sukzessive bis zum Abend. Wir hatten Glück. Da wir nicht gleich realisierten, dass es zwei Abteilungen gab, je nachdem, ob man Stromanschluss braucht oder nicht, standen wir eine Nacht mit mehr Komfort etwas teurer, parkten dann am folgenden Morgen um und luden gleich unseren Smart ab, solange wenig Betrieb war. Beim Aufpumpen des Stützrads am Anhängers brach das Ventil ab. Da hatten wir für den kommenden Tag gleich eine Aufgabe.

Das Problem wollten wir vor dem nahen Wochenende lösen. Wir suchten eine Autowerkstatt auf, die uns zumindest – über Google Translator – mit einer Adresse sehr effektiv weiterhalf. Die Leiterin des Geschäfts, bei dem wir gleich anriefen, sprach Englisch und fragte sehr nett, ob wir vorbeikommen könnten, d.h. zwanzig Kilometer über Land nach Pont  L’Evêque. Mit dem Smart war das ein Vergnügen.

Die Firma entpuppte sich als Landmaschinenhandel mit Werkstatt.

Unser Telefonkontakt und einer der Monteure warfen einen Blick auf unser Stützrad: „Kein Problem, das machen wir. Können Sie es in einer Woche abholen?“

„Oh je, das wird schwierig. Wir sind nur auf der Durchreise.“

Die beiden verloren nicht ihre gute Laune. Sie berieten sich untereinander. „Wie wäre es in einer halben Stunde?“

Was für eine Erleichterung! Wir folgten ihrem Rat, die Zeit im nahen Supermarkt für einen Einkauf zu nutzen und dann unser Rad abzuholen. Da wir schon mal hier war, wollten wir auch einen Blick in diesen Ort werfen. Wir parkten im Ortskern, schlenderten zur Kirche und entlang der Hauptstraße. Das stimmte uns schon auf kommende Fachwerkperlen ein. Ein Laden warb mit einer Camembertverkostung, von den drei Proben wählte ich einen aus Neufchatel. Den ersten Cidre kaufte ich gleich dazu, nachdem sie mir die Unterschiede erklärt hatte (von „brut“ bis „douce“ mindert sich der Alkoholgehalt). In den Cafés boten sie keinen Kuchen an, so sparten wir uns diese Kalorien.

Siège de la vicomté d’Auge in Pont-l’Évêque (Sitz der Vizegrafschaft 17 .Jh.)

Ein ehemaliges Dominikanerkloster war zum Kulturzentrum umgebaut und etliche Häuser zeigten die typische Bauweise, die wir aus der Gegend von Etretat kannten: entweder mit Balken oder Ziegelsteinen wird ein Gerüst aufgebaut, dessen Gefächer mal mit zerschlagenen Feuersteinen gefüllt werden, mal ziehen sich Feuersteinstreifen durch. Eine normannische Mauer verrät, wo man sich befindet. Feuerstein und Ziegel: Man ist in der Haute-Normandie, auf Kreideboden. Granit oder Schiefer: Man ist in der Basse-Normandie, auf dem Armorikanischen Massiv. Heller Kalkstein: Man durchquert die Ebene von Caen. Zurück in Honfleur war inzwischen der Stellplatz voll. Da hatten wir die richtige Intention. Man bezahlt am Automaten Tag für Tag sehr simpel mit der Scheckkarte.

 Womit wir nicht rechneten, war die Tatsache, dass uns das Navi nicht denselben Weg zurück führen würde, sondern unnötigerweise über die Autobahn. Wer denkt da gleich an die Mautbox, die im Wohnmobil hing? Davongekommen, dachten wir, weil wir keinerlei Schranke, Messgerät oder Kamera sahen. Nach der Rückkehr zuhause lag ein Knöllchen vor. 1,50 Euro für Fahren ohne Plakette. Woher wussten die das? Die Bezahlung war kompliziert, auch die Kreissparkasse war hilflos, denn die Mautstelle besaß keine IBAN-Nummer und konnte nur online kassieren. Fragt nicht, wie wir das gemeistert haben.

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